Esskultur

Die Entwicklung der menschlichen Esskultur

Wir moderne Menschen haben eine intensive Bindung zur Natur, tief verwurzelt in unserem Erbgut. Denn immerhin haben wir 10.000 Generationen lang in der Natur gelebt, ständig auf der Suche nach Schutz vor ihr und abhängig von ihren Produkte in Form von Beeren, Fleisch oder Trinkwasser. Weitere 500 Generationen lang haben wir die Natur dann intensiv verändert, landwirtschaftlich genutzt und sie unter Kontrolle zu bringen versucht. [1]

All diese Zeit, die wir mit, in und von der Natur gelebt haben, hat evolutionsbedingt Spuren in unserem Wesen und unseren Genen hinterlassen. Zwar versucht der moderne Mensch oft, seine Beziehung zur Natur so gut es geht zu verschleiern, doch werden wir es nie schaffen, uns ganz von der Natur abzukapseln. Denn das Erbe der generationenübergreifenden Mensch-Natur-Beziehung ist ein Teil von uns. [2]

Das Bedürfnis, von und mit der Natur zu leben, steckt also in uns, und deshalb sind wir, Hannah und Lukas, auf der Suche nach unserem ganz persönlichen Bezug zur Natur: Angefangen haben wir beim Kochen, inzwischen sind wir zum Jagen gekommen. Beides sind unsere Hobbys, sie verbinden uns mit der Natur, ihren Erzeugnissen und deren Zubereitung.

Fleisch (zuzubereiten) ist in der modernen Zeit etwas Merkwürdiges geworden: anziehend und abstoßend zugleich. Die Gewinnung und Erzeugung von Fleisch war in früheren Kulturen etwas Heiliges [3], wohingegen zu diesem Prozess heutzutage oft jeglicher Bezug fehlt. So kann der moderne Mensch mit einer Hyäne verglichen werden, da er, wie auch der Aasfresser, von dem lebt, was andere für ihn getötet haben, ohne sich mit dem Akt des Tötens identifizieren zu [4] müssen.

Heute ist die Fleischproduktion so weit weg von unserem gesellschaftlichen Alltag und gleichzeitig ein doch so bedeutender Teil von ihm, dass wir 2017 unserem Gefühl, mehr darüber erfahren zu wollen, gefolgt sind. Wir sind inzwischen Jäger geworden, um unseren lückenhaften Bezug zu Fleisch mit Wissen und Erfahrung zu füllen. Unser Verhältnis zu Fleisch und dessen Wertschätzung hat sich geändert, seitdem wir uns auf so vielen Ebenen damit beschäftigen: mit den Tieren, ihren Lebens- und Verhaltensweisen, ihren Bedürfnissen und Ansprüchen. Ursprung, Entstehung, Beschaffung, Versorgung und Zubereitung – wir können soweit behaupten, dass wir uns in vollem Umfang darüber bewusst sind, wo unser Steak herkommt.

Doch können wir das bei vielen anderen Lebensmitteln heutzutage nicht mehr sagen. Wo wir Menschen früher instinktiv wussten, was die Natur an Essbarem für uns bereitstellt, [5] verlieren wir inzwischen mehr und mehr den Bezug zu unseren Lebensmitteln.

Die abstrakte Diskrepanz zwischen dem Töten und Verspeisen von Mitlebewesen zeigt besonders anschaulich, welche Distanz der Mensch in nur wenigen Generationen zur Natur gewonnen und an Bezug zu ihr zugleich verloren hat.

Diese Entfremdung von unseren Lebensmitteln ist ein Prozess, dem wir uns als moderne Menschen augenscheinlich zunächst nicht entziehen können. Aktuell leben wir in einem Jahrhundert der abgepackten Nahrungsmittel, auf das laut Lebensmittelmarktforschern ein Jahrhundert der abgepackten Mahlzeiten folgen wird.  [6]

Die eigenen Hühner schlachten, Bier brauen, Brot backen und Joghurt herstellen: Dies waren in vielen Haushalten einst gängige Aufgaben, die heute allesamt ausgelagert sind und mit denen wir uns nicht mehr beschäftigen müssen. Dabei ist es gerade einmal 150 Jahre her, dass der Großteil der Bevölkerung landwirtschaftlich tätig war. Heute hingegen können wir uns dem Prozess der Entstehung von Lebensmitteln fast gänzlich entziehen.

Wie kam es zum Jahrhundert der abgepackten Lebensmittel?

Durch die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts veränderte sich der Bezug zu unserer Nahrung radikal. [7] Durch maschinelle Landwirtschaft waren Landwirte plötzlich in der Lage, ein Vielfaches der Bevölkerung zu ernähren. Auch die Lebensmittelauswahl wurde verändert: Durch internationale Versorgungsnetze konnten Gemüse, Fleisch und Obst aus der ganzen Welt bezogen werden. [8] 

Die maschinelle Verarbeitung dieser Güter führte dazu, dass der Mensch weniger Zeit ins Kochen und die Beschaffung der Lebensmittel investieren musste. [9] Hierzu trugen auch die sozioökonomischen Folgen der Industrialisierung bei, denn es vollzog sich ein Wandel der Familienstrukturen vom Mehrgenerationen-Haushalt hin zur Kleinfamilie mit zwei berufstätigen Eltern- teilen, wodurch zu Hause oft keine zeitlichen und personellen Ressourcen zum Kochen mehr verfügbar sind.

Die eigene Produktion von Nahrungsmitteln und die Zubereitung von Mahlzeiten wurde also immer weiter von den häuslichen Küchen in Fabriken verlagert [10]: Convenience Food zog in den Alltag und in die Haushalte der meisten Europäer ein.

Der Preis dafür ist, dass die Distanz zwischen dem Verbraucher und dem natürlichen Erzeugnis wächst.11 Diese Entfremdung hält weiter an, denn industriell verarbeitete Nahrungsmittel machen weiterhin fast zwei Drittel des Konsums in Industrieländern aus. [12]

Unser Bezug zu unseren Lebensmitteln geht also verloren. Doch liegt in diesen zugleich eine der einfachsten Verbindungen, die das moderne Leben jeden Tag aufs neue mit der Natur verknüpfen, denn unsere Lebensmittel stammen aus der Natur. Das hat sich auch in Zeiten der Fertigprodukte und -mahlzeiten nur bedingt geändert, denn auch die bereits zubereiteten und in Kunststoff eingeschweißten Bratkartoffeln sind einmal in der Erde gewachsen.

Die Distanz entsteht dort, wo wir mit unverarbeiteten Lebensmitteln nicht mehr in Kontakt kommen, uns nicht mit ihnen auseinanderzusetzen brauchen.

Doch durch das Kochen finden wir wieder einen eigenen Bezug zu den Lebensmitteln – und dadurch auch eine erdende Verbindung zu unserer Natur.

Aber warum sollten wir diese Verbindung überhaupt fördern, wo wir doch heutzutage auch ohne ganz gut leben und endlich nicht mehr von den Fähigkeiten, alles selbst machen zu müssen, abhängig sind?

Weil das Kochen Teil unserer menschlichen Natur und der Schlüssel zu einem genussvollen Leben ist! [13]

Die Aufnahme gekochter Nahrung hat sich biologisch in unseren Genen verankert, da gekochte Nahrung unser Erbgut über die Jahrtausende hinweg verändert hat. [14]

Natur | Was ist das überhaupt, diese „Natur“?

Es ist super schwer den Begriff „Natur“ zu definieren und klar abzugrenzen, denn wie alles ist ihre Bedeutung stets abhängig vom Kontext. Streng genommen gehören die Felder und Wälder nicht zur Natur, sondern zur Kulturlandschaft, sprich: zu einer Fläche, die meist dauerhaft vom Menschen geprägt ist. Bei mega good definieren wir Natur als alles, was sich ohne fremdes Zutun entwickelt. Für uns zählt dazu auch das bewirtschaftete Feld, aus dem die Kartoffel stammt. Denn überall dort, wo die Jahreszeiten, das Wetter, also Wind, Sonne und Regen, der Boden und Mikroben ihren Einfluss ausüben, herrscht ein übergeordnetes Ökosystem, das wir als Natur begreifen.

Die Industrialisierung hat unsere Esskultur verändert 

Die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Esskultur  bestimmt unsere  Gene.  Wo früher noch ein Bezug zu unseren Lebensmitteln  war, hat die Industrialisierung durch Convenience Food zu einer Entfremdung der Mensch-Natur-Beziehung beigetragen.

Kochen jedoch ist Teil der Mensch-Natur-Beziehung und der Schlüssel  zu einem genussvollen Leben. 

FUßNOTEN

[1] “Was uns nach draußen zieht” von Fritz Habekuss, vom  07.05.20202, erschienen in: DIE ZEIT N°20

[2] “Was uns nach draußen zieht” von Fritz Habekuss, vom  07.05.20202, erschienen in: DIE ZEIT N°20

[3] “Kochen - Eine Naturgeschichte der Transformation” (2014) von Michael Pollan, Seite 66

[4] Auszug des Buches “Der himmlische Jäger” von Roberto Calasso,
erwähnt in “Blut wäscht Blut” von Johan Schloemann in der Süddeutschen Zeitung (20.07.2020)

[5] “Essen muss der Mensch - auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit” (2009) von Inka Faltynowicz, Seite 13

[6] “Kochen - Eine Naturgeschichte der Transformation” (2014) von Michael Pollan, Seite 18

[7] “Nahrung und Ernährung in der Menschheitsgeschichte” (2006) von  Jeffrey M. Pilcher, Seite 83

[8] “Nahrung und Ernährung in der Menschheitsgeschichte” (2006) von  Jeffrey M. Pilcher, Seite 83 

[9] “Nahrung und Ernährung in der Menschheitsgeschichte” (2006) von  Jeffrey M. Pilcher, Seite 83 

[10] “Nahrung und Ernährung in der Menschheitsgeschichte” (2006) von  Jeffrey M. Pilcher, Seite 83 

[11] “Nahrung und Ernährung in der Menschheitsgeschichte” (2006) von  Jeffrey M. Pilcher, Seite 86 

[12] “Essen muss der Mensch - auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit” (2009) von Inka Faltynowicz, Seite 14

[13] “Kochen - Eine Naturgeschichte der Transformation” (2014) von Michael Pollan, Seite 71

[14] “Kochen - Eine Naturgeschichte der Transformation” (2014) von Michael Pollan, Seite 71